Addendum

The proceedings to an inspiring symposium on medieval dance songs, which was held in Würzburg/Germany in 2011, were recently published, including an article by myself on musical rhythm in Neidhart’s songs (Marc Lewon: “Vom Tanz im Lied zum Tanzlied? Zur Frage nach dem musikalischen Rhythmus in den Liedern Neidharts“. In: Das mittelalterliche Tanzlied (1100-1300). Lieder zum Tanz – Tanz im Lied, ed. Dorothea Klein with Brigitte Burrichter and Andreas Haug. Würzburg 2012 (= Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie, vol. 37), p. 137-179. The article was already announced, including an abstract of the main points.

Das mittelalterliche Tanzlied (1100-1300). Lieder zum Tanz – Tanz im Lied, ed. Dorothea Klein with Brigitte Burrichter and Andreas Haug, Würzburg 2012 (= Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie, vol. 37).

Das mittelalterliche Tanzlied (1100-1300). Lieder zum Tanz – Tanz im Lied, ed. Dorothea Klein with Brigitte Burrichter and Andreas Haug. Würzburg 2012 (= Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie, vol. 37).

In this article I took a close look at the musicological historiography of Neidhart’s oeuvre, paying particular attention to those publications which in the past had made a point about musical rhythm. I was able to show that the oft-quoted “Neidhart dance song” was not an historical fact but rather ‘created’ by modern scholarship. In the heat of the argument, however, I had missed an important stepping stone on the path to a ‘danceable’ Neidhart repertoire: Josef Mantuani’s book on music in Vienna from 1907, in which he dedicates ample space to Neidhart’s songs. He was the first to clearly state that these songs were meant to be danced and that they should be performed in a lively, alternating, triple-metre rhythm—even when the notation bears no hint at a musical rhythm. He also provided transcriptions for 13 of his songs, in which he put this postulated rhythmic principle into practice. As an apology for my oversight and for the benefit of the readers I would like to provide the following addendum to my article which should be inserted on p. 142 right before the heading “Konrad Ameln & Wilhelm Rössle (1927)”.

Josef Mantuani (1907)

Nur zehn Jahre nach Riemanns umfangreicher Neidhart-Edition legte Josef Mantuani im musikalischen Anhang zu seiner Musikgeschichte der Stadt Wien 13 Neidhartlieder in diplomatischer Transkription sowie moderner, rhythmisierter Umschrift vor.* Dabei richtete er in seiner Edition alle Lieder in einem alternierenden 3er-, bzw. 6er-Rhythmus ein – sowohl solche, die im Original rhythmische Hinweise enthalten als auch solche, die in den Handschriften rhythmuslos notiert stehen.

Wenn das Notenbild seiner Edition schon suggestiv erscheint, so ist der Haupttext unmissverständlich: Neidharts Lieder sind für Mantuani rhythmusbetonte Tanzstücke in schlichtem „Volkston“.

„Seine Sommerlieder, die er „Reien“ nennt, als rhythmusangebender Gesang zum Tanz im Freien bestimmt, sind zwar echt volksthümlich, aber durchwegs vom persönlichen Temperament des Dichter-Musikers getragen und künstlerisch geläutert. Wir haben sie uns in glatt geregeltem, scharfem Rhythmus und in raschem Tempo vorzustellen; nur so werden sie uns verständlich. Oft tritt sogar die Sangbarkeit der Melodie – die unverfälschte Ueberlieferung angenommen – in den Hintergrund.

Den besten Commentar zum Verständniss dieser Tanzweisen können wir aber weder von einer  umfassenden Belesenheit, noch von gründlichen germanistischen Studien über Rhythmus und Strophenbau erwarten: alles lässt uns im Stich; nur die Autopsie belehrt uns an den noch immer lebenden Bauerntänzen über deren Wesen und Ausführung. [FN: Darnach ist, trotz aller tiefsinnigen Erörterungen, Deutungen, Rhythmusstudien und Versuche fast der ganze Complex der hierbei in Anwendung kommenden Bewegungen nach physiologisch-statischen Gesetzen choreographisch dreizeitig zu deuten:Rhythmus

Ich habe daher meine rhythmischen Uebertragungen (siehe Anhang num. XI-XXIII) darnach eingerichtet. Die Erklärungen sind dort beigefügt.] Es ist eine uralte Tradition, die sich unter den Bauern jener Gegenden, ohne dass es ihnen zum Bewusstsein kommt, forterhält und von Generation zu Generation überliefert wird.“+

Mantuani wird nicht müde, die prinzipiellen Aspekte von Neidharts Werk so darzustellen, wie sie schließlich die Performanz von Neidharts Liedern über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg prägen sollten. Neidharts Dichtung und Musik ist demnach: 1.) realitätsnah und volkstümlich („Den Grund, auf dem die neue realistische Dichtung Neidharts aufgebaut ist, bilden die in abgelegeneren, daher auch conservativeren Gebieten damals noch erhaltenen und bekannten Volkslieder.“, S. 229), 2.) schlicht und eingängig („Was nun die Musik zu allen diesen Liedern betrifft, so ist sie bei Neidhart, ihrem Zwecke entsprechend, wirklich populär und leichtfasslich.“, S. 247; „Seine Musik ist demnach im wahren Sinne des Wortes populär, daher auch für ungeschulte Kehlen ausführbar gewesen und unterscheidet sich von der regelstrengen Composition vieler seiner Zeitgenossen durch eine gewisse Sorglosigkeit.“, S. 248) und 3.) sowohl rhythmisch akzentuiert als auch tänzerisch („Sie sind bei ihm ganz klar […] Tanzlieder[.], die einen ausgeprägten Rhythmenfluss fordern […]“, S. 247).

Für seine Musikgeschichte Wiens machte Mantuani ausgiebigen Gebrauch von den Inhalten der Neidart-Liedtexte als Steinbruch und Quelle für seine Beschreibung des zeitgenössischen Tanzlebens. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen dichterischer Fiktion, möglichem realem Kern und praktischer Funktion des Liedes, so dass in Mantuanis Historiographie letztlich all diese Aspekte zu einem konturlosen Ganzen verschmelzen, die Lieder also zu einem Teil der Praxis gemacht werden, die sie scheinbar selbst beschreiben. Als einzige Belege für eine vermeintlich tänzerische Aufführungspraxis aller Neidhartinterpretationen (vom „originalen“ Neidhart bis hin zu seiner Rezeption im 15. Jahrhundert) führt er dabei die späten Neidhartspiele (u.a. von Hans Sachs) an, in denen Neidhart in persona als Vorsänger zum Tanz auftritt (S. 157), sowie einen Bericht von Kaiser Maximilian I. über einen „Neidharttanz“ im Jahre 1495 (S. 357, FN 1).#

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* Josef Mantuani: Musik in Wien. Von der Römerzeit bis zur Zeit des Kaisers Max I. Hildesheim/New York, ND 1979 (ursprünglich erschienen in: Geschichte der Stadt Wien, III. Band, I. Hälfte, Wien 1907), Melodien XI-XXIII, S. 420-429.

+ Mantuani, Musik in Wien. S. 231.

# Victor von Kraus: Maximilians I. vertraulicher Briefwechsel mit Sigmund Prüschenk, Freiherrn zu Stettenberg. Nebst einer Anzahl zeitgenössischer das Leben am Hofe beleuchtender Briefe. Innsbruck 1875, S. 101f.

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